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Im Bierdunst der Revolte

Schleichend und im Schatten steigender Energiepreise zieht eine tiefergreifende Krise der deutschen Gesellschaft auf: Nicht nur das Benzin, auch das Bier wird knapp.

So lange die Wiener noch Würstchen und braunes Bier hätten, spottete Beethoven einst, sei dort an eine Revolution nicht zu denken. Und tatsächlich waren die Österreicher wie ihre deutschen Nachbarn gewaltsamen Umstürzen, sehr zum Leidwesen hauptamtlicher Revolutionäre, eher abgeneigt. Doch diese friedlichen Zeiten dürften  allzu bald vorbei sein. Denn auf den Hopfenfeldern der Landwirtschaft wächst ein Keim, der sich zu den gewalttätigsten Unruhen in der deutschen Geschichte auswachsen könnte.

Paradoxerweise wächst auf vielen deutschen Hopfenfeldern derzeit überhaupt nichts anderes, denn viele Anbauflächen sind in den vergangenen Jahren stillgelegt worden. Zu groß war die Konkurrenz ausländischer Anbieter. Nun aber, nach zahlreichen Bränden auf amerikanischen Framen, wird der wertvolle Rohstoff knapp. Noch sind die Preise in Supermärkten, bei Getränkehändlern und an Tankstellen stabil. Doch in den nächsten Monaten können die Brauereien bei steigenden Hopfenpreisen nicht mehr kostendeckend arbeiten. In der Folge braut sich, im Moment noch weitgehend unbeachtet,  ein Gewittersturm über den Kneipen, Trinkhallen und Parkbänken des Landes zusammen.

Vorahnung des Weltenbrandes konnte sich jeder im Sommer 2000 machen. Als deutschen Urlaubern auf der Ferieninsel Mallorca der Einlass in diverse Gaststätten auf der Schinkenstraße verwehrt wurde, war nichts mehr zu retten. Randalierend forderte der Mob seine Rechte auf die Erlösung vom eigenen Verstand ein. Und dabei gab es zumindest theoretisch noch Bier genug. Aufgrund der Lärmbelästigung waren lediglich die Kneipen und Diskos für ein paar Tage zwangsweise von den Behörden geschlossen worden.

Zwar wird die deutsche Arbeiterklasse erst renitent, 
wenn sie ihr Feierabend-Bier bedroht sieht, dann aber umso heftiger

Doch was wird passieren, wenn der Strom aus den Zapfhähnen durch die Rohstoffknappheit versiegt? Ist das kühle Blonde bald nur noch mit Kreditaufnahmen zu finanzieren? Wird die Bierdose zum Statussymbol von Mulimillionären des Neuen Markes? Zwar wird die deutsche Arbeiterklasse erst renitent, wenn sie ihr Feierabend-Bier bedroht sieht, dann aber umso heftiger. Was Marx, Rudi Dutschke und die RAF nicht schafften, vermag nun vielleicht ein einfacher Lieferengpass eines Genussmittels. Ernstfall-Szenarios des Verteidigungsministeriums liegen bereits in den Schubladen. Im äußersten Notfall sollen Truppen ins Land geholt werden, die den alkoholdurstigen Pöbel mit Waffengewalt niederhalten. Vorerst wird mit friedlichen Mitteln gekämpft werden. 

Schon drohen die Obdachlosenverbände: Durch eine Erhöhung des Bierpreises seien in Deutschland Tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Die Volltrunkenheit auf Parkbänken, unter Brücken und in U-Bahnstationen sei nicht mehr finanzierbar. In Folge würden tausende Stadtstreicher ins Ausland abwandern müssen. Nur mit einer deutlichen Steuererleichterung könne verhindert werden, dass immer mehr Billig-Trinker aus Ostblockländern oder Fernost die Promille Kapazitäten abziehen.

Auch Berlin ist aufgewacht. Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Innenausschusses Willfried Penner macht sich für den kleinen Mann auf der Straße stark. Die Bundesregierung müsse mit staatlichen Zuschüssen auf die steigenden Bierpreise reagieren, um die sozial Schwachen zu entlassten. Eine Debatte darüber soll in der nächsten Woche im Bundestag stattfinden. 

 

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