Goethes geheime Briefe - Seite 2/2
Das beschauliche Leben in Weimar hat auch seine Schattenseiten. Weil sich der Mediziner Ernst Christian Huschke (1760-1828) nicht mehr in die fürstliche Residenzstadt traut, liegt die medizinische Versorgung deren Einwohner am Boden. Das bleibt nicht ohne Folgen. Kurz vor dessen Tod schreibt Goethe noch an Schiller:
7ther May [1805]
Liebes Fritzgen,
wie ich höre geht es dir schon wieder vil besser. Trotzdessen muss ich dich noch einmals bitten, deiner argen Lungenentzünd. entgegen kein Blut auf die Bücher, welche ich dir geliehn, zu husten. Die Wercke des erw. Marquis de Sade sind itzt noch dreckiger als ohnhin schon, und C. [d. i. Christiane Vulpius] macht mir die Höll heiss wenn sie ihre Leib= und Magenlectüre, recht bespränkelt, widererhält.
Nach Schillers Tod hat Goethe erst noch andere Sorgen, als Gedichte über dessen Schädel zu schreiben. Vor allem Christiane Vulpius setzt ihm zu. In seinem Geheimtagebuch vermerkt der Meister:
24. Jul. [1806]
C. plagt mich den ganzen tag, dass der erw. Marquis de Sade um ein ordentl. Maß unterhaltsamer sey als meine Arbeiten, und dass v.a. mein Wilh. Meister sie langweile bis auff den Todt. Wenn das frivole Weibsbild wüßt, dass ich auf Schillers höchliches Anrathen die schweinischen Abschnitte alle entfernt habe, vor allem jene wo Wilh. mit Mign. [unleserliche Worte]. Allein ich will gern zugeben, dass meine Iphigenie etwas mehr Sexus vertrüge - C. hat schon recht, wenn sie sagt, dass mir ständig die Leüte im Publico einschliefen.
Aber Goethe hat auch eine sozialpolitische Ader. Er stellt nicht nur die Prügelstrafe für aufmüpfige Arbeitnehmer auf eine gesetzliche Grundlage, er beschwert sich auch bei seinem Fürst Karl August, als dieser private Zuzahlungen für Kuraufenthalte durchsetzten will:
Karlsbad,13ther augusto [1785]
Ew. hochfürstl. Gnaden, geschätzt. Landesv[ater], liber Kalle!,
mit einhellger Bestürzung ist hier aufgenomm worden, dass du vorzuhaben scheinst, auf die Curaufenthalte der genesungsbedürftigen zusätzlich zur allgemeinen Invalidenversicherung eine zuzahlg. aus der jeweyligen Börse des armen Krancken zu erheben.
Dazu muss ich sagen, daß ein solches Vorhaben bey den hiesigen Curbetreibenden nicht recht ankommen will. Ein Herr v. Fillmar gestern bei Tische erwähnnte, dass dann hier einige tausendt Arbeitspl. wegfallen würden.
Und freyn heraus gesagt; Ich selbsten hielt es für einen beweyss der neuen socialen Kälte, die heutzutag in teutschen Landen umsichzugreiffen scheint.
In Italien scheint aber auch nicht alles zum besten zu stehen. Seinem Tagebuch vertraut Goethe bei seinem "zweiten römischen Aufenthalt" an:
7ther sept.[recte: 9. September 1787]
Vor vier Tage hab ich hier bey einem scottischen Wirt, Mäcdowald hieß er sich wohl, ein gebrathenes Fleischhaché, welches mit Tomaten und Gurcken garniert und zwischen zweyn Brodtstükken gelegen, genossen. Schrieb ich "genossen"?! Wohl ergetzte es meine Zunge auf das köstlichste, doch ich hab mir die letzten drey Tag die Seel aus dem Leibe gekotzt. Das haché muß recht verdorben gewesen seyn. Bei uns in Weimar würd man einen solchen Kerl, der sich gar erfrecht, seine verdorbnen Waren auch noch "Hamburger" zu nennen, ad hoc aus der Stadt éloignieren.
Lange hat die Wissenschaft gerätselt, wie Goethe wohl auf die Idee gekommen ist, sich mit seiner - völlig blödsinnigen - Farbenlehre zu beschäftigen. In sein Tagebuch schreibt er die Antwort:
3. jan. [1810]
Obwohl Eisenbeyss sich nicht mehr nach Weimar getraut, hat er mir durch seinen Gehülfen ein Pulver gegen meine Blähungen - C. beschwehrt sich schon - geschickt. Auf dem Etiquette des Fläschgens stand "Diäthÿlamid der Lÿsergsäure". Ich darf wohl sagen, daß meine Blähungen wie weggeblasen warn; und mehr noch: auf ein Mal schien mir die Welt gleich vil farbiger. Ich will sogleich die Wissenschaft bemühn, dies Fascinosum zu ergründen (Arbeitstitl: "Über die Farben und, sofern man geneigt ist, welche Lehren man daraus ziehen kann"). Ausserdem ists mal was anderes, als sich mit dämlichen Versen od. Romanen herumzuschlagen, was einem auch noch so schlecht gelohnt wird: C. meckert zum Beyspiel dauernd an den Wahlverwandsch. herum. Ich hätte sie doch nit heiraten sollen. Aber hinterher ist man immer schlauer.



