Der Götterfunke Harald Schmidt
Wie konnten wir ohne ihn leben? Wie werden wir je wieder ohne ihn leben können? Bedecke deinen Himmel, Zeus: Hier naht "Dirty Harry"-Superstar als Beherrscher des Diskurses.
Mittwochnachmittag vor dem legendären Studio 449. In unverbrüchlichem stahlblau erstrahlt der Himmel über Köln-Mühlheim. Keine Wolke am Himmel, dafür ziehen Schwaden von Tränengas über den geräumigen Vorplatz, der von einer überlebensgroßen Statue des Talk-Helden bewacht wird. Doch diese mag noch soviel Frieden und Allweisheit ausstrahlen, zu ihren Füßen liefern sich Groupies, Autogrammjäger, Journalisten und Anwohner eine blutige Schlacht, die nur durch den massiven Einsatz von Polizeikräften befriedet werden kann.
Ganz normale Szenen, wie sie sich jedes Mal vor einer Aufzeichnung dieses Gottesdienstes abspielen. Dann endlich öffnen sich die bronzebeschlagenen Flügeltüren und geben den Einlass ins Allerheiligste, in die weihevolle Aufzeichnungsstätte frei. Während der Aufnahmeleiter mit einer Hundepeitsche und der breitschultrige Wachschutz mit Elektroschockern und einer Pittbull-Staffel für Disziplin sorgt, erleidet eine Schwangere, die gerade eben noch vor dem Eingang einer schwerbehinderten Nonne in den Rücken geschossen hat, um sich ihren Platz zu sichern, eine Sturzgeburt und muss gegen ihre heftige Gegenwehr mit der Ambulanz abtransportiert werden. Ihr folgen die ersten Schlag- und Herzanfallpatienten sowie eine Praktikantin der Süddeutschen Zeitung, die zwei Wochen ohne Nahrung und Schlaf vor dem Tor ausgeharrt hat, um nur die erste in der Schlange zu sein.
"Heil dem Licht, das der Nacht enttaucht!"
Wenn es eine undankbarere Aufgabe als die einer Toilettenfrau auf einer Oberstufenparty geben mag, dann ist es Warm-Upper bei diesem Ereignis. Und so kämpft der sauber gescheitelte Schmierling vor den vor Erregung zitternden Reihen vergeblich um die Lacher-Brosamen, die vom Tisch des Meisters abgefallen sein könnten. Die Gemeinde will keinen öligen Messdiener, sie will den gesalbten TV-Papst persönlich. Und sie bekommt ihn. Als die Ironie-Ikone endlich aus der kathedralengleichen Kulisse tritt, ist kein Halten mehr. Nur durch Warnschüsse seiner Leibgarde kann das exstatische Volk davon abgehalten werden, noch vorne, ihm entgegen zu stürzen und ihm die Füße zu küssen.
Seit Weihnachten '04 beehrt er uns wieder mit seiner unvergleichlichen Bildschirm-Präsenz: Die Late-Night-Instanz Harald Schmidt. Jedes Wort des Scherz-Meisters des deutschen Fernsehens lässt sich an diesem Mittwoch mit Myrre aufwiegen. Der Talk-König spricht dem armen Mann aus der ungeheizten Feuilleton-Redaktion Mut zu, der stetig gegen den Sinnverlust des eigenen Lebens und kulturellen Verfall der Gesellschaft mutig andenkt, um wenigstens auf diese Weise etwas zu bewegen. Nur eine Ironie-Ikone wie Schmidt vermag es, mit Details wie seiner Haartracht für einen bangen Moment die Nation zu schocken und die Gespräche mit der ängstlichen Frage zu beherrschen, ob von nun an alle Intellektuellen (und die sich dafür halten) so aussehen müssten, um akzeptiert zu werden.
"Heil dem Tage, der uns umleuchtet!"
Ahnungslose Defätisten jammerten schon lautstark über das Geld, das Berufszyniker Schmidt zusteht - Brancheninsider munkeln über 9 Milliarden Euro. Doch selbst wenn - wäre das zu viel? Nein. Es ist viel zu wenig! Erinnert sich überhaupt noch jemand an das erste Ende der Harald-Schmidt-Show auf Sat.1 im Jahre 2003? Damals überfiel eine Schreckstarre das Land, die den reformresistenten Mehltau noch zusätzlich fermentierte. Der Abgang der televisionären Meilensteins Schmidt hinterließ eine Schneise aus Furcht, Trauer und Verzagtheit. Und den Blick auf den Rest des deutschen Fernsehprogramms. Da geben sich 9 Milliarden Euro viel leichter aus, kann sich die gebührenzahlende Nation doch von diesem grässlichen Schicksal leichthin freikaufen. Wen interessieren die Tagesthemen? Wer braucht die "Lindenstrasse"? Selbst die (ohnehin manipulierte) Fußball-WM kann man sich eigentlich sparen. Harald Schmidt nicht. Harald Schmidt ist Kult. Harald Schmidt ist ein Gott.
Wussten Sie schon, dass…
…Paris Hilton ein Kind von Harald Schmidt will?
…Harald Schmidt am St.-Johannistag Aussätzige heilen kann?
…für Harald Schmidt in den Aufzeichnungspausen der "Harald- Schmidt"-Sendung immer ein frisches Weihrauchfass bereit steht?
…"Harald" mittlerweile der am häufigsten vergebene Name für neugeborene Jungen und Mädchen ist?
Ein Phänomen mit diesem so paradox alltäglichen Namen schwebt über einem giftigen Tümpel von Brustvergrößerungen, Dschungelpromis und verweist als Katalysator maroder Tabus auf etwas Höheres, Sinnstiftendes, die Erleuchtung. Vielleicht ist es gerade der Name, der verdeutlicht, dass hinter dem scheinbar Alltäglichen unbeschreibbare Größe stehen kann, die jede diskursive Annäherung so fürchterlich klein erscheinen lässt. Das erscheint nicht nur auf den ersten Blick trostreich, es richtet in Wirklichkeit das soziale Koordinatensystem des ergebenen Zuschauers aus. Hier: ich. Über mir: Schmidt. Unter mir: der Big-Brother-Pöbel bzw. alle anderen.
In Köln-Mühlheim geht die Messe ihrem allzu frühen Ende entgegen. Stichwortsklave Manuel Andrack, der als ergebener Knecht artig und dankbar über jeden Scherz seines Allvaters gekichert hat, ist eigentlich übermüdet, doch der feste Glaube an seinen Herrn hält ihn wach. Hinter den Kulissen liegen die Programmverantwortlichen der ARD in Pfützen aus Lachtränen und Lustschweiß. Vor der Sendung winselten sie noch um ihre kultverdächtige verbale Bestrafung durch Schmidt, jetzt sind sie vertragsgemäß befriedigt, ihr Existenzrecht ist bis zur nächsten Sendung gefestigt.
"Heil der Sonne, die uns bescheint!"
Des Meisters Beutel ist nun leer, seine goldenen Worte sind - für heute - ausgegeben. Applaus und Jubelrufe branden auf, hymnisch und doch zu gering der Ehre. Schmidt schreitet über ein Meer aus Rosenblüten, Orchideen und Pergamenten mit Sonetten und Oden, die seine Verehrer auf seinen Weg aus dem Studio 449 gestreut haben, auf dass sein Fuß die unwürdige Erde nicht berühren möge. Die Wächter peitschen die aufdringlichen Fans beiseite. Der Aufnahmeleiter höchstpersönlich zerschießt mit einer abgesägten Schrotflinte jedem die Kniescheiben, der die vorgeschriebene Mindestdistanz unterschreitet. Ein Opfer, das manche an diesem Tag leichten Herzens dahingeben, um ihrem Idol nahe zu sein. Dann schließen sich die Türen hinter Schmidt. Es wird wieder kalt und dunkel in Köln-Mühlheim.
Weil wir selbst Harald Schmidt gar nicht hoch genug preisen können, haben nun Sie als Leser das Wort:
"Harald, der du abstammst von Juhnke, wir lieben Deine Schmierigkeit ER Barmen. Du bist fast so grossartig wie unser Grosser Herrscher KIM JONG-ILL" von: Kim El-Aine
"Harald Schmidt sei nicht gepriesen und ist nicht Gott. (Als Gläubiger hört für mich hier der Spaß auf.) Mein Tip an Schmidt: Lass den Pocher weg!!" von: Michel
"Fürchtet euch, denn mit dem Verschwinden des Meisters wird Dunkelheit über unsere Gesichtsmuskeln fallen - Duuhuunkelheit" von: Harald Schmitt
"Harald´s Stern leuchtet heller als ?=)& im zentralen Nervensystem bei Kommunalwahlen im Südkongo" von: delle




