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Alter vs. Jugend

von Ada Belinghieri

Ada Belinghieri schreibt exclusiv für njfcw.
Ada Belinghieri schreibt exclusiv für njfcw.

Morgens halb zehn in Deutschland. Genauer: auf dem Pausenhof der Albert-Einstein-Hauptschule in Berlin-Wedding. Kein Vogelgezwitscher stört hier den reinen Musikgenuss aus Hunderten von Handys, denn den letzten Grünfink hat der Hausmeister im vorigen Monat weisungsgemäß vergiftet. Selbst die Schreie der Mitschüler, die gerade verprügelt und abgezogen werden, mischen sich melodisch in die symphonische Tiefe des Klingeltonorchesters. Unter dem verrosteten Basketball-Korb schießt Yuris Blut in kunstvollen Fontänen aus Mund und Nase auf den rissigen Asphalt. Vielleicht hätte er sein neues Photohandy lieber hergeben sollen. Doch käme das nicht einer Kastration gleich?

Unweit davon versuchen Marvin und Bülent, mit ihren neusten Errungenschaften das Herz der schönen Yvonne zu gewinnen: Sie rufen sich gegenseitig an und lassen ihre Handys für sich sprechen. Geschmeichelt hört sich Yvonne den Minnegesang der jungen Helden an. Während auf Bülents Handy ein besoffener Elefant ein Tagelied anstimmt, wählt Marvins Gerät den direkten Weg: Lautes Orgasmusgebrüll verleiht seinem heimlichen Begehren einen subtilen Ausdruck. Doch noch ehe Yvonne in Entscheidungsnot gerät, wird sie selbst angerufen. Leider hat sie als persönliche Erkennungsmelodie die "Village People" mit "YMCA" gewählt, und nach einem kurzen Moment der Irritation ("Ey, bissu schwul oder was?") stirbt sie unter den Docs von Marvin und Bülent einen schnellen, gnadenvollen Tod.

Alter vs. Jugend: Ergraute Kritiker verkennen die eigentliche Bedeutung der Ringtones. [Bild: kill-sweety.de]
Alter vs. Jugend: Ergraute Kritiker verkennen die eigentliche Bedeutung der Ringtones.
[Bild: Externer Linkkill-sweety.de]

Es wird viel lautes Geschrei gemacht über die Handyklingeltöne, -videobotschaften und Spiele, die auf den Kanälen der bildungsfernen Jugend das Programm füllen. Und was wirft man ihnen nicht alles vor: Da sind "Abzocke" und "Betrug" noch die freundlichsten [Externer LinkVorwürfe]. Im Internet machen [Externer LinkWettbewerbe] um den möglichst grausamen Mord an einem putzigen Küken die Runde, das bei jedem Anruf herzerwärmend tiriliert. Dabei vergessen die vorschnellen Kritiker, was diese Klingeltöne wirklich zu leisten im Stande sind. Auf dem Pausenhof in Berlin-Wedding beenden sie die babylonische Verwirrung und sorgen für eine einheitliche Sprache. Gelungene Integration für 4,99 € im Monatsabo - was will man mehr! Das Geld lieber in Weed investieren? No way. Individualismus und Konformitätsdruck heben sich dank der Handygesänge geradezu hegelianisch auf und sorgen für einen nie gekannten Grad an Freiheit in der modernen Jugendkultur. Und mehr als das.

 
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